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Wie KI die Musikproduktion revolutioniert – und was das für Profis, Labels und Plattformen wirklich bedeutet

Thomas Foster und die Frage, die die gesamte Kreativbranche bewegt

Wer den Sound von SWR3, RTL Aktuell und Dutzenden weiterer internationaler Radio- und TV-Stationen kennt, kennt das Werk von Thomas Foster und seiner Firma Foster Kent. Täglich hören rund 70 Millionen Menschen weltweit Musik, die Foster Kent produziert hat – ein Maßstab, der verdeutlicht, mit welcher Relevanz seine Einschätzungen zur Zukunft der Musikproduktion zu gewichten sind.

Im Gespräch mit dem Schweizer KI-Podcast Digitalize Your Passion analysiert Thomas Foster, was Künstliche Intelligenz für Komponisten, Produzenten, Sender und Plattformen konkret bedeutet – ohne Beschönigung, ohne Panikmache.


Radio-Sounddesign: Handwerk auf höchstem Niveau

Was ein Jingle wirklich leisten muss

Bevor die KI-Diskussion beginnt, lohnt ein Blick auf das Fundament: Jingles sind nicht einfach kurze Musikstücke. Sie sind akustische Markenidentitäten. Foster beschreibt sie als "kurze Einheiten musikalischer Kennung" – von der Nachrichtenmelodie über den Wetterbed bis zum gesungenen Sender-Claim. Die Musik unter einem Verkehrslagebericht vermittelt Seriosität und Kompetenz; die Wettermusik soll Leichtigkeit und Optimismus transportieren. Diese emotionale Differenzierung ist kein Detail, sondern das Kernhandwerk.

Besonders prägnant: Foster produziert für SWR3 und RTL noch immer mit echten Sinfonieorchestern. Der Grund ist präzise benannt: Ein Orchester mit 14 Geigern klingt warm und lebendig, weil jeder Musiker minimal anders intoniert, minimal früher oder später einsetzt. Diese kontrollierte Unperfektion – vergleichbar mit dem Charme von Vinyl gegenüber digitalen Aufnahmen – erzeugt eine Klangqualität, die synthetische Samples trotz massiver technologischer Fortschritte nur zu rund 90 Prozent erreichen. Die verbleibenden zehn Prozent machen den entscheidenden Unterschied im direkten Vergleich.

Die ewige Debatte: Gesungene Jingles – zeitgemäss oder überholt?

Diese Frage, so Foster, ist seit den 1990ern ungelöst – und wird es auch 2025 noch diskutiert. Gesang verleiht Stationen Wiedererkennungswert und Erinnerbarkeit, wirkt aber schnell zu werblich. Ungesungene Kennungen klingen cooler, hinterlassen aber schwächere Gedächtnisspuren. Radiosender navigieren diesen Zwiespalt seit Jahrzehnten – und jeder neue Sender stellt dieselbe Frage neu.


KI in der Musikproduktion: Chancen, Risiken und die Realität des Marktes

Die historische Einordnung

Foster zieht eine direkte Parallele zur Einführung von DAW-Software (Digital Audio Workstations) in den frühen 1990ern. Damals sagten Kritiker, Computermusik sei Betrug, weil man kein Instrument beherrsche müsse. Das Ergebnis: Ohne diese Technologie gäbe es heute keinen Techno, kein House, keinen Hip-Hop. KI ist der nächste Schritt dieser Evolution – nicht ihr Ende.

Seine Haltung ist klar: Wer sich der KI verweigert, wird nicht mehr wettbewerbsfähig sein. Die Technologie fragt nicht, ob sie willkommen ist.

Was KI-Tools heute wirklich können – und wo sie scheitern

Foster unterscheidet präzise zwischen verschiedenen Einsatzszenarien:

  • Text-to-Music-Generatoren (z. B. Suno, Udio): Erzeugen in Sekunden vollständige Songs aus Textprompts. Für professionelle Zwecke aktuell eher eine kreative Spielerei, aber rasant besser werdend.
  • Assistenzwerkzeuge für Profis: Tools wie Googles Sandbox erlauben es, gespielte oder gesungene Melodien in komplette Orchestrierungen umzuwandeln. Das ist kein Ersatz, sondern eine mächtige Erweiterung des Werkzeugkastens.
  • Hook- und Melodie-Generierung: Foster beschreibt einen konkreten Anwendungsfall: Er lud sein eigenes Playback bei Suno, Udio und Diffusion hoch, gab den fertigen Text ein und erhielt von mehreren KI-Systemen Melodievorschläge für seinen Refrain. Eine dieser KI-generierten Melodien war besser als seine eigene. Sein Fazit: Es ist, als hätte man ein Team von 20 Komponisten, die alle gleichzeitig Vorschläge machen.

Der Markt verändert sich bereits

Foster schätzt, dass über 50 Prozent der täglich auf Spotify hochgeladenen Songs bereits KI-generiert sind – die offizielle Schätzung von 25 Prozent hält er für längst überholt. Noch dominieren diese Tracks nicht die Charts. Taylor Swift, Coldplay und Co. produzieren weiterhin menschengemachte Hits. Aber der Trend ist unumkehrbar.


Björn Ulvaeus, Spotify und die Zukunft der personalisierten Musik

Wenn Legenden experimentieren

ABBA-Mitgründer Björn Ulvaeus nutzt KI als kreativen Partner bei seinem neuen Musical – er bezeichnet sie als "weiteren Songwriter im Raum". Foster sieht darin die richtige Haltung: Nicht KI statt Mensch, sondern KI als Werkzeug, das kreative Blockaden überwindet und neue Wege öffnet. Schon David Bowie baute in den 1990ern eine Maschine, die ihn beim Texten unterstützte – nicht aus Mangel an Ideen, sondern aus kreativem Interesse.

Das Spotify-Szenario: Das personalisierte KI-Album

Foster skizziert ein Zukunftsszenario, das näher ist als viele ahnen: Ein Nutzer klickt bei Spotify auf eine Band und lässt sich ein persönliches Album im Stil seiner Lieblingskünstler generieren. Spotify hätte einen massiven finanziellen Anreiz, diesen Weg zu gehen: KI-generierte Musik hat keinen Urheber und unterliegt keiner GEMA-Pflicht. Könnte Spotify ein Drittel der Hörzeit durch KI-Musik ersetzen, würde das die Lizenzkosten drastisch senken.

Dieses Szenario führt direkt zum aktuellen Rechtsstreit: Die GEMA sowie Universal und Sony Music klagen gegen KI-Anbieter wie Suno, weil diese urheberrechtlich geschütztes Material zum Training verwendet haben sollen, ohne Vergütung. Foster begrüsst diese Klagen als notwendige Interessenvertretung – mit dem Vorbehalt, dass Plattenfirmen gewonnene Beträge möglicherweise nicht an Künstler weiterleiten werden.


Strategische Takeaways für die Kreativbranche

Für Musikproduzenten und Komponisten

  1. Offenheit ist keine Option, sondern Voraussetzung: Wer KI-Tools nicht kennt, verliert Wettbewerbsfähigkeit.
  2. KI ersetzt nicht – sie erweitert: Die sinnvollsten Einsatzfälle liegen in der Assistenz, nicht in der Vollautomatisierung.
  3. Experimentieren mit eigenem Material: Das Hochladen eigener Produktionen in KI-Systeme als Ideenlieferant ist ein konkreter, heute umsetzbarer Workflow.
  4. Rechtslage beobachten: Die laufenden Klagen gegen KI-Unternehmen werden die Nutzungsbedingungen und Lizenzmodelle grundlegend verändern.

Für Medienunternehmen und Auftraggeber

  • Sounddesign bleibt eine strategische Investition. Die Qualität der Musik, mit der ein Sender oder eine Marke wahrgenommen wird, beeinflusst unmittelbar die Glaubwürdigkeit und den Markenwert.
  • KI-generierte Musik wird günstiger, aber nicht automatisch besser. Die zehn Prozent, die ein echtes Orchester über Sampling hinausgeht, können den Unterschied zwischen einer kleinen Lokalstation und einer Weltmarke ausmachen.

Der erste KI-Künstlerwettbewerb: Smopp Records setzt Zeichen

Foster ist Mitgründer und Teilhaber eines neuen KI-Labels namens Smopp Records, das den weltweit ersten Wettbewerb für KI-Künstler gestartet hat. Gesucht werden Musiker, die mit Tools wie Suno oder Udio arbeiten und eine eigene künstlerische Identität entwickeln. Die Prämisse: Auch KI-gestützte Musik kann Ausdruck einer echten künstlerischen Haltung sein. Der Wettbewerb läuft einen Monat, danach folgt die Siegerbekanntgabe.


Fazit: Wird es in zehn Jahren noch bedeuten, Musiker zu sein?

Fosters Antwort ist nüchtern optimistisch: Ja – aber anders. KI senkt die Einstiegshürde für Musikproduktion drastisch. Menschen, die nie Klavierunterricht hatten und sich das immer gewünscht haben, können jetzt Musik erschaffen. Das ist ein genuiner Mehrwert. Gleichzeitig wird handwerkliche Musikproduktion am Computer an Statuswert verlieren, weil sie leichter replizierbar wird.

Was bleibt, ist die menschliche Schnittstelle zwischen Idee, Emotion und Technologie. KI kann kopieren, kombinieren und optimieren. Wirklich Neues – den Mut, etwas auszuprobieren, das noch nie so geklungen hat – braucht weiterhin den Menschen. Wer diesen Mut hat und gleichzeitig die neuen Werkzeuge beherrscht, wird in der Musikbranche der Zukunft nicht nur überleben, sondern gestalten.

Häufige Fragen

Warum engagiert Thomas Foster für Jingle-Produktionen noch immer echte Sinfonieorchester, obwohl hochwertige Sampling-Libraries verfügbar sind?

Foster erklärt, dass ein Orchester mit bis zu 14 Geigern pro Stimme durch minimale Intonations- und Timing-Unterschiede jedes Musikers einen warmen, lebendigen Klang erzeugt, den Sampling nur zu rund 90 Prozent erreicht. Diese kontrollierte Unperfektion – ähnlich dem Charme von Vinyl – macht den hörbaren Qualitätsunterschied aus. Zudem hat es einen Motivationseffekt: Moderatoren, die sehen, wie 80 Musiker ihren Nachrichtenjingle einspielen, gehen mit mehr Stolz ins Radiostudio.

Wie nutzt Thomas Foster KI konkret in seiner eigenen Musikproduktion?

Foster lud das fertige Playback seines Songs 'Life Feels Good with you Around' bei mehreren KI-Plattformen (Suno, Udio, Diffusion) hoch, gab den fertigen Text ein und erhielt daraufhin verschiedene Melodievorschläge für den Refrain – passgenau auf seine Akkorde und sein Tempo. Eine KI-generierte Melodie übertraf seine eigene, was er als exemplarischen Beweis wertet, dass KI als Inspirationsquelle und Ideengenerator in professionelle Workflows integrierbar ist, ohne den Produzenten zu ersetzen.

Welche rechtlichen Risiken entstehen durch den Einsatz KI-generierter Musik für Unternehmen und Labels?

Derzeit klagen sowohl die GEMA als auch die Major-Labels Universal und Sony Music gegen KI-Anbieter wie Suno, weil diese urheberrechtlich geschütztes Material ohne Lizenz zum Training ihrer Modelle genutzt haben sollen. Die Verfahren können die Nutzungsbedingungen, Lizenzkosten und die Rechtmässigkeit bestehender KI-Outputs grundlegend verändern. Unternehmen, die KI-Musik kommerziell einsetzen, sollten die Rechtslage aktiv beobachten.

Wie realistisch ist das Szenario, dass Spotify seinen Nutzern personalisierte KI-Alben bekannter Künstler anbietet?

Foster hält dieses Szenario für plausibel und finanziell attraktiv für Spotify: KI-generierte Musik hat keinen Urheber und fällt damit nicht unter GEMA-Pflicht. Könnte Spotify einen signifikanten Teil der Hörzeit durch KI-Musik ersetzen, würden die Lizenzkosten drastisch sinken. Technisch ist die Umsetzung bereits heute denkbar – die entscheidende Hürde ist die noch ungeklärte rechtliche Frage, ob der Stil eines Künstlers als schützenswert gilt.

Was bedeutet die KI-Revolution konkret für Berufsmusiker und professionelle Produzenten?

Foster schätzt, dass bereits über 50 Prozent der täglich auf Spotify hochgeladenen Songs KI-generiert sind. Profis, deren Haupteinnahme aus dem Streaming kommt, sind direkt gefährdet. Wer hingegen – wie Foster selbst – primär für Radio- und TV-Stationen produziert, ist kurzfristig weniger exponiert, muss aber die sich verändernden Budgets der Sender im Blick behalten. Der klare Rat: KI-Tools aktiv erlernen und in den eigenen Workflow integrieren, statt sie zu ignorieren.

Wie nutzt Björn Ulvaeus von ABBA Künstliche Intelligenz in seiner kreativen Arbeit?

Ulvaeus bezeichnet KI als 'weiteren Songwriter im Raum' und setzt sie bei seinem aktuellen Musical-Projekt ein, um kreative Blockaden zu überwinden. Er betont explizit, dass KI menschliche Kreativität nicht ersetzen kann, aber als kreativer Partner neue Impulse liefert. Foster sieht darin eine vorbildliche Haltung: Technologie als Erweiterung des eigenen kreativen Arsenals, nicht als Bedrohung.

Was ist der weltweit erste KI-Künstlerwettbewerb von Smopp Records, und wer kann teilnehmen?

Smopp Records, an dem Thomas Foster als Mitgründer beteiligt ist, hat den weltweit ersten Wettbewerb für Künstler gestartet, die mit KI-Tools wie Suno oder Udio Musik produzieren. Gesucht werden Menschen, die eine eigenständige künstlerische Identität entwickelt haben und sich auf Plattformen wie TikTok oder Instagram präsentieren. Der Wettbewerb läuft einen Monat, danach wird ein Sieger bekanntgegeben. Details finden sich unter smopp.ai.